Wie rassistisch ist die Politische Theorie?

Das Seminar

Das Seminar wurde im im Wintersemester 20/21 an der Universität Heidelberg als Wahlmodul im Bachelor angeboten, wo er auf ein großes Interesse, auch bei fachfremden Studierenden, gestoßen ist.

Der Syllabus und alle hier von mir hochgeladenen Inhalte können gerne unter der Lizenz CC BY-SA weiterverwendet werden. Ich freue mich auch über E-Mails mit Fragen und Anregungen!

Seminarkonzept

Die Idee für das Seminar ging auf in der Einführungsveranstaltung Politische Theorie geäußerte Nachfragen und Anmerkungen von Studierenden zurück, die sich eine vertiefte Reflexion über Rassismus in der Politischen Theorie wünschten (ein Wunsch, der sich wohl auch an die deutschsprachige Politische Theorie allgemein herantragen lässt). Das Seminar sollte abseits polemisch geführter Feuilleton-Debatten die Möglichkeit bieten, eine differenzierte und selbstkritische Auseinandersetzung mit Rassismus innerhalb der Politischen Theorie zu ermöglichen. Für wertvolle Anregungen und Anmerkungen bei der Seminarplanung bedanke ich mich bei Evein Obulor.

Ankündigungstext

Der Kurs wurde im Vorlesungsverzeichnis wie folgt angekündigt:

Von Sklavenhändlern über Entdecker und Politiker zu Philosophen – das ging schnell“ stellte die Welt (16.06.2020) im Zuge der wörtlichen und metaphorischen Denkmalstürze der BLM-Bewegung besorgt fest und äußerte die Befürchtung: „Und jetzt soll es Immanuel Kant an den Kragen gehen“. Die Sorge ist berechtigt: In diesem Seminar werden wir sogar nicht nur Kant, sondern der gesamten Disziplin Politische Theorie „an den Kragen“ gehen. Dazu fragen wir einerseits (selbst-)kritisch, inwiefern die Disziplin als Disziplin rassistische Ausschlüsse und Diskriminierung (re)produziert, z.B. an Universitäten oder in der Veröffentlichungs- und Kanonisierungspraxis. Zudem werden wir aber auch die Inhalte der Politischen Theorie rassismuskritisch betrachten, und untersuchen, welche Rolle „race“ und Rassismus in verschiedenen „Klassikern“ der Politischen Theorie spielen. Daran anschließend werden wir fragen, was das jeweils für einen Umgang mit ihnen bedeuten kann. Zu Beginn des Semesters werden wir uns mit der Herausforderung, dass ein Seminar über Rassismus nicht selbst Rassismen reproduzieren sollte, vertieft auseinandersetzen und auch im weiteren Verlauf wird das Seminar Räume zur Reflexion bieten. Das Seminar findet als Online-Seminar in hauptsächlich synchroner Form (Videokonferenzen) statt. Die Bereitschaft zum wöchentlichen Lesen anspruchsvoller (aber interessanter!) Texte auf deutsch und englisch wird vorausgesetzt. Als schriftliche Prüfungsleistung ist eine Hausarbeit vorgesehen – das Seminar legt einen besonderen Fokus darauf, Sie schon während des Semesters beim Verfassen derselben zu unterstützen (Sie können das Seminar aber selbstverständlich auch besuchen, wenn Sie keine schriftliche Prüfungsleistung erbringen müssen). Die mündliche Prüfungsleistung setzt sich aus der Moderation eines halbstündigen Seminargesprächs und dem Vortragen eines ausführlichen Peer-Feedbacks zu Arbeiten Ihrer Kommiliton*innen zusammen. Details zum Seminarablauf erhalten Sie vor der ersten Seminarsitzung.

Workshops

Um dazu beizutragen, im Kurs selbst nicht Rassismus zu (re-)produzieren, dienten die ersten Sitzungen einer vertieften Auseinandersetzung mit rassistischer Sprache. Dafür führte erfreulicherweise Evein Obulor einen Workshop zum Thema Rassismus und Sprache mit dem Kurs durch. Frau Obulor stand auch das ganze Semester über als Ansprechpartnerin, insbesondere für Studierende of Color zur Verfügung. Im Anschluss an den Workshop entwickelten die Studierenden gemeinsame Leitlinien für den Kurs, die jeweils behandelten, wie sie selbst im Kurs miteinander umgehen wollten, andererseits aber auch Erwartungen an mich als Dozenten formulierten.

Um Strategien im Umgang mit Rassismus in Texten kennenzulernen, nahmen die Studierenden außerdem am empfehlenswerten Workshop Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in klassischen Werken der Philosophie? teil, den Lisa M. Gleis und Danilo Gajic (erstmals digital!) durchführten. Auf die im Workshop angesprochenen Strategien im Umgang mit rassistischen Texten kamen die Studierenden auch im Laufe des Semesters immer wieder zurück. Das Durchführen der Workshops wäre ohne die Unterstützung des Lehrstuhls nicht möglich gewesen, weshalb ich mich dafür herzlich bedanke.

Sitzungen

Die Seminarsitzungen folgten einem Flipped-Classroom-Konzept. Die Studierenden sollten sich vor der Sitzung mit jeweils zwei Seminartexten auseinandersetzen und hatten die Möglichkeit, Fragen und Anregungen dazu im Moodle-Modul PDF Annotation einzustellen. Im Syllabus finden sich jeweils einige Leitfragen für die Lektüre, zudem habe ich dort mögliche Hausarbeitsthemen und weiterführende Lektüre zu den jeweiligen Sitzungsthemen vorgeschlagen.

Die Sitzungen bestanden dann nicht mehr aus einer Diskussion über die Seminartexte sondern dienten dem Feedback zu von Studierenden geschriebenen Exposés oder Essays, die vorab im Moodle-Kurs hochgeladen wurden. Dafür wurde vorab mit den Studierenden auch ausführlich darüber gesprochen, was gutes Feedback ausmacht und die Studierenden erhielten von mir ein schriftlich ausführlich begründete Note auf Moderation, Feedback und den hochgeladenen Text. Weitere Details zum Sitzungsablauf finden sich im Syllabus.

Syllabus

Hier findet sich der Leitfaden, wie ich ihn den Studierenden zu Beginn des Semesters zur Verfügung gestellt habe. Er enthält Details zum Seminarablauf sowie einen ausführlichen Sitzungsplan.

Studierendenfeedback zum Kurs

In der Seminarevaluation erhielt das Seminar insgesamt die Note 2. Studierende lobten vor allem die angenehme Arbeitsatmossphäre, dass sie das Thema und der Blickwinkel anspreche und dass sie zum eigenverantwortlichen Lernen und zur Selbstreflexion angeregt wurden. Einige Studierende hätten sich allerdings auch mehr Input von mir gewünscht und ein Fokus auf „Sitzungsthemen“ statt auf die Feedbacks befürwortet. Dass auch das PDF-Annotations-Modul im Kurs nahezu nicht genutzt wurde, deutet ebenfalls darauf hin, dass vielleicht mehr Anleitung in dieser Hinsicht nützlich gewesen wäre und ich zu Beginn des Kurses deutlicher hätte machen können, was ich mir vom Flipped-Classroom-Konzept erhoffe, gerade weil das eigenverantwortliche Arbeiten in dieser Form für viele Bachelor-Studierende neu ist. Möglicherweise wäre es außerdem sinnvoll, zu Beginn und Abschluss der Sitzungen jeweils doch einen kurzen Dozierendeninput zu geben („Heute sprechen wir über…“ - „Halten wir also fest, was wir heute besprochen haben“). Insgesamt bin ich aber mit dem Seminarformat weiterhin sehr zufrieden und kann es nur zur Nachahmung empfehlen.

Einige Studierende haben das Seminar auch zum Anlass genommen, eine Arbeitsgruppe zu bilden, um einen offenen Brief an das Lehrstuhlteam Politische Theorie zu formulieren. Zwar ist dieser aktuell noch nicht fertiggestellt, wir haben aber bereits die Textauswahl für das Einführungsseminar Politische Theorie geändert.